Gedanken eines SchreiberlingsPsychologieWissenschaft

Vereinfacht – falsch – gefährlich?

Ich schaue gerne Filme und Serien. Und ich weiß natürlich, dass vieles nicht wahrheitsgetreu ist (auch bei den Dingen, die es sein könnten). Wenn es um Laborarbeit geht, ist zum Beispiel das meiste mindestens zehnmal so schnell, wie in einem normalen Labor, und ein Gegengift herzustellen dauert anscheinend manchmal keine Viertelstunde.

Soweit sogut. Jedem ist (hoffentlich) klar, dass man Informationen aus Filmen und Serien nicht für bare Münze nehmen kann. Aber manchmal frage ich mich, wieviel wir doch hinnehmen, ohne es zu merken.

Aufgefallen ist es mir schon oft in Filmen/Serien, in denen Deutsch gesprochen wird. Hier sollte ich hinzufügen, dass ich alles im Originalton anschaue, also meist Englisch. Jedenfalls gibt es Momente, in denen ich bei „deutschen“ Konversationen die Untertitel lesen muss – da die betreffenden Personen alles sprechen, nur nicht Deutsch. Gerade dann frage ich mich: wie ist das mit russischen, chinesischen, arabischen,… Dialogen, die ich so oder so nicht verstehe? Sind die genauso falsch, oder sprechen die Schauspieler die Sprache tatsächlich richtig aus?

Aber was, wenn es um wichtige Dinge geht?

Immerhin haben solche Dinge keine großen Auswirkungen. Aber manchmal geht es um Fragen, die mehr bedeuten…

Für mehrere meiner Artikel habe ich mich mit dem Thema „Tiefe Hirnstimulation“ (THS) befasst. Eine spannende Methode, die Patienten mit Bewegungsstörung helfen kann. Über eine oder zwei Elektroden im Gehirn (genau platziert in einer Operation, bei welcher der Patient wach ist und praktisch „mithilft“) bekommt eine genau ausgewählte Hirnregion elektrische Impulse. Nun, das klingt sicher etwas schaurig, aber von Patienten habe ich erfahren, dass es das gar nicht unbedingt ist.

Nun endlich zum Grund meiner Ausführungen: In einer Fernsehserie wurde einem Patienten mit einer psychischen Störung THS vorgeschlagen – und die Szene hat mich milde gesagt entsetzt. THS wurde dort als furchtbar gefährliche Behandlung beschrieben, mit potentiell schlimmen Nebenwirkungen. Dabei ist die Operation längst nicht so furchteinflößend, wie es sich anhört. Und zu den Nebenwirkungen sagte mir ein behandelnder Arzt:

„Man verursacht mit THS keine irreversiblen Schäden.“

Dr. Sergiu Groppa, Leiter der Sektion Bewegungsstörung und Neurostimulation an der Universitätsmedizin Mainz

Ja, es gibt möglicherweise unerwünschte Symptome, aber wenn man die Stimulation anpasst, gehen sie auch wieder weg.

Außerdem hieß es in der Serie, THS könnte die Persönlichkeit eines Menschen verändern. Laut einer Psychologin, die mit THS-Patienten arbeitet, ist das eine der größten Ängste (vor allem der Angehörigen). Dennoch ist es nicht wahr:

„Schwere Krankheiten verändern die Persönlichkeit. Die Therapie verändert aber die Patienten nicht.“

Dr. Sarah Kayser, Psychiaterin an der Universitätsmedizin Mainz

Mal abgesehen von den vielen anderen Fehlern, die in der Serie aufkommen (THS wirkt z.B. gerade bei psychischen Erkrankungen nicht sofort, die Effekte treten erst innerhalb eines Jahres auf), sind solche Fehlinformationen doch gefährlich:

Besonders, wenn es um Behandlungsmethoden geht, die noch um Bekanntheit kämpfen.
Besonders, wenn es um Behandlungsmethoden geht, die bei verschiedenen Erkrankungen noch getestet werden.
Besonders, wenn es um Behandlungsmethoden geht, die potentiell noch viel mehr Leiden verringern können.

Ich habe die Fehler gesehen, weil ich für meinen Artikel recherchiert habe. Wieviele Fehler habe ich nicht gesehen, weil ich mich mit dem Thema nicht auskenne? Wieviele Fehler sehen potentielle Patienten oder Angehörige nicht?

Im Film oder in Serien muss man vereinfachen, sonst geht die Spannung verloren. Aber manchmal – finde ich – sollte man aus moralischen und ethischen Gründen nicht zu dick auftragen…