Gedanken eines SchreiberlingsWissenschaft

Theory of Mind (ToM) – Im Kopf des Gegenübers

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Heute möchte ich über ein Konzept reden, das zuerst etwas abgehoben und kompliziert klingt, das aber allgegenwärtig ist und uns im täglichen Leben ganz unbewusst begleitet: Theory of Mind (ToM).

Was ist ToM?
Einfach gesagt ist ToM die Fähigkeit, die Gefühle und Gedanken anderer Menschen zu verstehen und Rückschlüsse über ihre Absichten zu ziehen. Also das „Hineinversetzen“ in Andere.

Wir tun es ganz instinktiv und ohne groß darüber nachzudenken. Ich selbst bin zwar schon im Labor auf das Konzept gestoßen. Doch im Alltag habe ich mir erst Gedanken dazu gemacht, als ich überlegte, wie ich meinen Kindern solche Dinge erkläre. Warum weint das Kind auf dem Spielplatz? Warum ist es nicht lustig, anderen weh zu tun? Wie fühlt sich der Freund, wenn man ihm sein Spielzeug wegnimmt?

Als Erwachsene verstehen wir vieles (aber nicht alles!), was unsere Mitmenschen tun und warum. Wenn uns jemand früh morgens auf der Straße nicht freundlich grüßt, ärgern wir uns vielleicht nich allzu sehr drüber, weil wir uns denken, dass er wahrscheinlich ein Morgenmuffel ist und seine erste Tasse Kaffee noch nicht getrunken hat. Es fängt mit winzigen Handlungen und Gesten an und geht bis in die höchsten zwischenmenschlichen Ebenen (Flirten beim ersten Date, Lügen/Verschleierung, Überredung, etc.).

Was passiert, wenn jemand Schwierigkeiten mit ToM hat?
Das kann man beispielsweise bei Menschen mit Autismus, Schizophrenie oder traumatischen Gehirnverletzungen sehen, die mit sozialen Interaktionen nicht zurechtkommen. Ergeben die Handlungen der Mitmenschen keinen Sinn, kann man die Reaktionen auf das eigene Verhalten nicht einschätzen, die Aktionen der Anderen nicht vorhersagen, und letztendlich nicht so recht am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Das ist natürlich der extreme Fall und trifft bei weitem nicht auf alle Menschen mit solchen Erkrankungen zu. Bei milderen Ausprägungen kommt man vielleicht generell mit dem sozialen Umfeld klar, wirkt aber auf andere Menschen zurückgezogen und „etwas merkwürdig“.

Wie entsteht ToM?
Dazu gibt es verschiedene Theorien, die alle auf die ein oder andere Art durch wissenschaftliche Studien belegt werden können. Wie genau es funktioniert, ist also nicht geklärt, möglicherweise sind alle Theorien nur unterschiedliche Ansätze des gleichen Phänomens.
Modularity theory: ToM Entwicklung kommt von innen. Angeborene neuronale Mechanismen sorgen dafür, dass man den Gemütszustand anderer Personen versteht. Das kann durch Erlebnisse bzw. Erfahrung angestoßen, aber nicht komplett verändert/verhindert werden.
Simulation theory: Man projiziert sich selbst in die Situation des Anderen und schließt darauf, was man selbst fühlen oder machen würde. Hierbei könnten zum Beispiel die sogenannten Spiegelneuronen eine Rolle spielen, indem sie uns helfen, die Aktionen, Emotionen und Ziele anderer Menschen auf uns selbst zu übertragen.
Executive accounts: Der Grund, warum Kinder noch Probleme mit ToM haben, ist zumindest teilweise, dass sie ihre eigene Perspektive noch nicht so gut unterdrücken können, um Platz für andere Sichtweisen zu machen. Man muss also erst diese „executive functions“ entwickeln, die einem solche Überlegungen erlauben. Für manche Vertreter dieser Theorie ist das Vorhandensein dieser Fähigkeiten die einzige Grundlage für ein funktionierendes ToM. Für andere steuert es dazu bei, benötigt aber noch weitere Voraussetzungen.
Theory theory: dämlicher Name, aber es beschreibt gut die abstrakte Natur dieser Theorie. Grob gesagt: Kinder sammeln Eindrücke über die Verbindung von Gemütszustand und Handlung. Wenn eine Erkenntnis nicht mit ihrem bisherigen (naiven) Weltbild zusammenpasst, wird dieses Weltbild nach und nach angepasst.

Wie testet man ToM?
Byom und Mutlu beschreiben in einer Arbeit drei Mechanismen, die ToM ausmachen. Je nach Aspekt gibt es verschiedene Tests:
1) allgemeines Wissen über die Welt
Möglicher Test: Man bekommt eine Geschichte vorgelesen und muss daraufhin zwei Arten von Fragen beantworten: Eine zum Verständnis („Ist es wahr, was X
gesagt hat?“) und eine Frage zum Gemütszustand („Warum hat X das gesagt?“).
2) die Wahrnehmung von sozialen Reizen
Möglicher Test: Man bekommt Gesichter oder sogar nur Augenpaare (inklusive Augenbrauen) gezeigt, die spezifische Emotionen ausdrücken. Man muss dann
erraten, um welche Emotionen es sich jeweils handelt. Das ist gar nicht so leicht, wie es klingt…
3) die Interpretation von Handlungen
Möglicher Test: Man bekommt einen Comic gezeigt, in dem eine Person etwas auf einen Tisch legt und das Zimmer verlässt. Eine zweite Person kommt herein, legt
den Gegenstand vom Tisch in eine Schublade und verlässt den Raum. Die Frage: Wo wird Person 1 den Gegenstand zuerst suchen? Dazu muss man verstehen, dass
Person 1 nicht weiß, dass Person 2 im Zimmer war. Man muss sich also in Person 1 hineinversetzen können, denn man selbst hat Person 2 ja gesehen.

Sowohl bei den Tests selbst, als auch bei den Anwendungsbereichen selbst gibt es viele Variationen und Interpretationen. Ganz zu schweigen von den neurobiologischen Hintergründen – welche Gehirnregionen sind involviert, welche Nervenzellen sind wofür verantwortlich, und wo läuft etwas schief? Aber für heute soll es genug sein. Ich versuche mich an meinen ToM-Künsten und schätze, dass ihr jetzt erstmal genug darüber gelesen habt und euch anderen Dingen widmen möchtet. Trotzdem, ich finde, es ist wert, darüber nachzudenken.

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