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„Mehr Schokolade“, sagte das Gehirn.

In den letzten Jahren komme ich immer wieder zum gleichen Schluss: Ich bin schokosüchtig. Mein Gefühl sagt mir das schon lange, aber durch meine Arbeit in der Suchtforschung fand ich konkrete Hinweise.

Was genau bedeutet denn Sucht im klinischen Sinne?
Eine Klassifikation findet sich im Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM). Mittlerweile gibt es davon die 5. Auflage, in der nicht mehr zwischen Missbrauch und Abhängigkeit unterschieden wird. Man spricht nun von einer „Substanzgebrauchsstörung“ (Substance Use Disorder). Dort sind 11 Kriterien aufgelistet:

  1. Wiederholter Konsum, der zu einem Versagen bei der Erfüllung wichtiger Verpflichtungen bei der Arbeit, in der Schule oder zu Hause führt.
  2. Wiederholter Konsum in Situationen, in denen es aufgrund des Konsums zu einer körperlichen Gefährdung kommen kann
  3. Wiederholter Konsum trotz ständiger oder wiederholter sozialer oder zwischenmenschlicher Probleme
  4. Toleranzentwicklung gekennzeichnet durch Dosissteigerung oder verminderte Wirkung
  5. Entzugssymptome oder deren Vermeidung durch Substanzkonsum
  6. Konsum länger oder in größeren Mengen als geplant (Kontrollverlust)
  7. Anhaltender Wunsch oder erfolglose Versuche der Kontrolle
  8. Hoher Zeitaufwand für Beschaffung und Konsum der Substanz sowie Erholen von der Wirkung
  9. Aufgabe oder Reduzierung von Aktivitäten zugunsten des Substanzkonsums
  10. Fortgesetzter Gebrauch trotz Kenntnis von körperlichen oder psychischen Problemen
  11. Craving, starkes Verlangen oder Drang die Substanz zu konsumieren

Schon wenn zwei der Kriterien innerhalb eines Jahres auftreten, spricht man von einer Substanzgebrauchsstörung, ab 4 Kriterien sogar von einer schweren! Auf meinen Schokoladenkonsum bezogen zähle ich 4 zutreffende Aussagen (Punkte 4, 6, 7, 11) – verdammt, mein Gefühl hat mich nicht getrogen.

Das Problem mit der Sucht (bzw. der körperlichen Abhängigkeit) ist, dass die Zyklen von Verzicht und Rückfall die Veränderungen verstärken und es immer schwieriger wird, „da wieder rauszukommen“. In meiner Dissertation habe ich das am Beispiel von Alkohol erklärt (siehe Grafik unten), es passt aber letztendlich auch auf alle anderen Substanzen wie auch die liebe Schoki:
Es beginnt mit übermäßigem Konsum (binge), man stopft sich also mit Schokolade voll. Das tut auf kurze Zeit gut (pleasurable effects). Daraufhin verzichtet man für eine Weile, vielleicht weil man merkt, dass die Waage nicht begeistert ist. Aber irgendwann denkt man wieder daran, Schokolade zu essen, das Verlangen wird immer größer (reward craving), bis man den Widerstand aufgibt und den großen Schokohasen schlachtet (Relapse).
Je öfter dieser Kreislauf passiert, desto tiefer brennt er sich in das eigene Verhalten und ins Gehirn ein. Was anfangs noch aus dem Impuls heraus entstanden ist, wird irgendwann kompulsiv – man kann also kaum noch anders und verliert die Kontrolle. Dabei spielen die positiven Effekte (pleasurable effects) kaum noch eine Rolle, es geht vielmehr darum, Entzugserscheinungen zu vermeiden/vermindern (relief), die bei längerem Verzicht nun auftreten. (So weit bin ich zum Glück noch nicht, wobei ich nicht weiß, ab wann Schokolade Entzugserscheinungen hervorruft.)

Alcohol-dependence.png

Development of alcohol dependence.Controlled use transits into compulsive alcohol consumption over time through multiple cycles of intoxication and abstinence. The motivation for alcohol consumption changes from pleasurable effects to the relief from a negative emotional state as neuroadaptations are taking place and dependence develops. Adapted from Koob (2009) Brain stress systems in the amygdala and addiction. Brain research 1293: 61-75

Die Mechanismen im Gehirn, die Suchtverhalten und Abhängigkeit entstehen lassen und dauerhaft aufrechterhalten, sind vielfältig, kompliziert, eng miteinander verknüpft und noch längst nicht ausreichend untersucht. Neurotransmitter, Hormone und Kanäle spielen eine Rolle, genauso wie viele Gehirnregionen mit mehr oder weniger sperrigen Namen (natürlich auch meine Lieblingsregion, die Amygdala). Darauf einzugehen würde den Artikel deutlich sprengen.

Wichtig ist – das kann man nicht oft genug sagen: Sucht ist eine Krankheit, bei der man sich nicht einfach mal zusammenreißen kann. Zumindest bei ernsthafter Sucht. Ich selbst habe wohl das Glück, eine relativ harmlose Sucht entwickelt zu haben, gegen die ich weiter mit mehr oder weniger großem Enthusiasmus ankämpfen werde.

Für alle Schokoladensüchtigen gibt es aber auch einen Lichtblick:
Italienische Forscher haben letztes Jahr gezeigt, dass Flavonoide aus dem Kakao kognitive Funktionen verbessern können. Zum Beispiel verbesserte Schokolade das Arbeitsgedächtnis, die Aufnahmegeschwindigkeit und die Aufmerksamkeit der Teilnehmer. Hatten Frauen eine Nacht absolut nicht geschlafen, halfen die Flavonoide, die kognitiven Probleme zu vermindern, die Schlafentzug sonst hervorgerufen hätte. (Als Mutter zweier kleiner, oft nachtaktiver Kinder ist Schokolade für mich also offensichtlich Medizin!)

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